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Alltag

Marthashof -  Urban Village

Alltag | Essay

"Gated Community" - Ich auch!

01.12.2010 | Guido Walter | 4 Kommentare

Unser Autor Guido Walter schlüpft für einen Tag in die Rolle eines Immobilienkäufers: Er will wirklich "sicher" wohnen - im Marthashof.

Berlin-Prenzlauer Berg, ganz im Norden. Der lila getünchte, bungalowartige Showroom der Stofanel Investment AG wirkt wie ein Fremdkörper im Meer der Altbauten. Gleich gegenüber liegt mit dem Mauerpark ein Erlebnispark der Linksalternativen, die sich hier am Abend des 30. April zur Walpurgisnacht an Lagerfeuern traditionell für die Maikrawalle warm tanzen. Am Mauerpark, früher Todesstreifen, verläuft die Grenze zwischen den Ortsteilen Prenzlauer Berg und Wedding. Und damit zwischen Welten. Hüben McKinsey, drüben Marx. Im Prenzlauer Berg steuert längst der Preis pro Quadratmeter die Zuwanderung. Die neue Mittelschicht wohnt hier. Architekten, Kreative, Unternehmensberater. Elf Quadratkilometer Altbauten, bewohnt von “Porno-Hippie-Schwaben”.

So nennt die linke Spaßguerilla jene, die sich weigern, spätestens nach dem zweiten Kind in eine der Reißbrettsiedlungen der Vororte zu ziehen, sondern die einfach dableiben. Sie wollten die Kombi. Lebensgefühl, wie auf dem Lande. Und dazu den Metropolenkitzel. In den neuen innerstädtischen Wohnprojekten für junge Familien kriegen sie das irgendwie hin. Einkaufen im Ökomarkt, etwas Clubfeeling auf der Kastanienallee, wenig Assis auf der Straße. Ganz Prenzlauer Berg ist eine Gated Community, gated durch das Lebensgefühl. Manchmal gibt es in Hauptstadtclubs eine VIP-Area innerhalb der VIP-Area, rot abgekordelt und noch etwas exklusiver. Auf den Prenzlauer Berg bezogen ist dies genau das, was die Stofanel Investment AG mit ihrem “Marthashof” plant.

Aber ist es nicht verführerisch? Du lebst mitten in Berlin, aber in “Gärten” und “Höfen”. Das ist die Verheißung der Wohnparks, die sich “Marthashof”, “Prenzlauer Gärten” oder “Winsgärten” nennen. Von den Dachterrassen der italienisch designten Bauten aus lässt sich bequem begutachten, wie sexy und arm Berlin ist. Manchmal baut sich sogar jemand nachträglich einen Kamin ein. Abends ist es still im Wohnpark. Da sind die Pforten geschlossen. Feiner Rauch aus ökologisch korrekten Pelletöfen steigt auf, eine behagliche Winteridylle bricht sich Bahn. Warum nicht Teil einer Gated Community sein? Bei Kreditkarten funktioniert das doch auch. Wer Gold hat, will Platinum. Wer Platinum hat, will Centurion. Es gibt keine Grenze. Money talks. Es heißt, American Express müsse demnächst eine Rhodium-Card einführen. Centurion-Member hätten sich beschwert: “Zu viele Millionäre.” Ich ringe mich endlich durch. Und sage: Ich will Teil einer Gated Community sein.

Dieser Vorsatz hat mich in den lila getünchten, bungalowartigen Showroom der Stofanel Investment AG geführt. Da stehe ich nun. Designersitze, die an angebissene Äpfel gemahnen, geben Rätsel auf: Symbolisieren sie die Kunden, die bereits angebissen haben? Die bereits Teil einer Gated Community sind?

Der Makler, ein Herr Wolf, ist noch nicht da. Dafür aber Rebecca, seine Assistentin. Auf dem Modell ist der zur Schwedter Straße offene, u-förmige Gebäuderiegel bereits fertig. Das Angebot reicht von der “Classic Flat” mit Panoramafenstern (120 qm) bis zum “Townhouse” mit Bulthaupküche und Dachterrasse. “Das wird alles bis Ende 2010 fertig”, sagt Rebecca. Was ich denn suchen würde. Ich sage: vier bis fünf Zimmer, aber nicht über 500.000 Euro. Sie lächelt. Kein Problem. “Es ist gated, richtig?” “Nein, nicht gated“, geht sie sofort dazwischen. Aus einem der Nebenräume tönt es ebenfalls empört. “Nein, keine Gated Community.” “Moment mal”, insistierte ich. “Ich finde gated ja gut.” Sofort kehrt Stille ein. “Meine Familie hat ein ausgesprochen hohes Sicherheitsbedürfnis.”

Da naht Herr Wolf. Kein Makler, sondern “Sales Consultant”. Glatze, grauer Designerstrickpullover. Ein kräftiger Handschlag, ein offenes Lächeln. Über das Modell hinweg unterhalten wir uns. “Nein, nicht gated”, sagt auch er. “Nur abends ist zu. Im Sommer ab 21.00, im Winter ab 19.00 Uhr. Das ist ein übliches Verfahren in Berlin. Wie bei Kinderspielplätzen.” Gated Community light also. Aber so leicht bin ich nicht zu beruhigen. “Wie Sie sich vorstellen können, fahre ich ein Auto der gehobenen Oberklasse. Ich hörte, dass es in der Brunnenstraße öfter Unruhen gibt. Ich habe keine Lust, dass mir Chaoten meinen Cayenne abfackeln.” “Dafür haben Sie einen Tiefgaragenplatz. Den kaufen alle Herrschaften Ihres Niveaus dazu.” Du alter Schäker, denke ich, aber die Schmeichelei wirkt. Es fühlt sich gut an, Teil einer Gated Community zu werden. “Wir wollen nicht gated sein, da bündeln wir die Aggressivität der Linken noch mehr. Wissen Sie, das ist der lebendige Prenzlauer Berg hier. Wir leben hier und spüren das jeden Tag.”

“Das ist keine Einfamilienhausgegend. Aber ruhig ist es schon. 400 qm Innenhof, das ist einmalig in Berlin.” Gut. Aber man will ja auch wissen, mit wem man wohnt. Wer die Nachbarn sind, was für Berufe sie haben. “Was sind Sie denn von Beruf, wenn ich fragen darf?” “Unternehmensberater.” Wolfs helles Maklerlachen ertönt. “Unsere stärkste Käufergruppe. Liefern sich ein Rennen um den Spitzenplatz mit Ärzten und Architekten.” Das klingt doch gut. Gesundheits- und Einrichtungstipps frei Haus vom Nachbarn. Ob ich mir denn die Baustelle gleich ansehen könnte? Ist ja um die Ecke. Klar geht das.

Auf dem Weg zur Baustelle vom “Marthashof” taut Herr Wolf so richtig auf. “Da drüben im Mauerpark sollen neue Häuser hochgezogen werden. Seitdem lassen uns die Linken in Ruhe.” Eine Zeit lang mussten Securityleute den Showroom vor Randalierern schützen. “Die haben sehr feige agiert”, klagt Wolf. “Steine werfen und dann abhauen.” An einen Steinbruch erinnert allerdings auch der “Marthashof”. Um den etwas ernüchternden Eindruck durch den Wohnpark im Rohbau etwas zu mildern, ist wohl Herr Drechsler mitgekommen.

“Ein exzellentes Konzept”, schnurrt er auf dem Weg. Angeblich hat er, ein Ex-Banker aus Luxemburg, schon gekauft. Ich muss es mir noch überlegen. Angeblich hat dieser Teil von Prenzlauer Berg die “Schulzuweisung Wedding”. Da wird dann der Nachwuchs, ob er will oder nicht, die Härten des Lebens kennenlernen. Ob die in den Berliner Amtsstuben noch nicht erkannt haben, dass Prenzlauer Berg eine Gated Community, wenn auch eine in der Lightversion ist? Da muss bildungspolitisch dringend eine neue Grenzziehung her. Wenn schon gated, dann richtig.


Kommentare

1 | Theo Koerner | 12. Dez. 2010 01:32

Was für ein aufregender Start! Guido Walter wagt sich als Schickeria-Wallraff in den Hof des Löwen! Und mit allem Wagemut trifft er auf ganz normale normale Menschen, einer von ihnen sogar überaus wohlwollend. Der Makler wird seine Pappenheimer schon kennen, gerade wenn es so fadenscheinig dargeboten wird. Vielleicht sollte der Autor sich bei Herrn Wolf bedanken - mit Bier oder Blümchen -, dass er so einfach durchgekommen ist.

2 | Tobias | 15. Dez. 2010 16:46

Der Artikel erschien doch schon vor einem Jahr im European ( http://www.theeuropean.de/guido-walter/1943-wohnen-in-prenzelberg-2 ). Interessanter wäre gewesen, zu lesen, wie die ersten Bewohner in diesem Retorten-Ghetto leben.

3 | Guido Walter | 21. Dez. 2010 11:26

Erstaunlich, wie aktuell er immer noch ist, oder? Der Marthashof sollte eigentlich Ende 2010 fertig sein, aber davon ist nichts zu merken.

Den zweiten Vorschlag nehme ich natürlich gern auf.

4 | BinBerlinerIn | 07. Jan. 2011 12:33

Hier wird dieser Artikel von der AnliegerInitiative Marthashof wieder ins Bild des ursprünglichen Zusammenhangs gesetzt und somit im wörtlichsten Sinn ergänzt: http://marthashofblog.blogspot.com/2011/01/marthashof-die-antisoziale-plastik-nach.html
mehr Infos von den BIN-Berlin-Initiativen, immer aktuell bei: http://twitter.com/BinBerlinerIn

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