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Feuilleton

Plakate zum 1. Mai in Prenzlauer Berg

Feuilleton | Essay

Zombies des Klassenkampfs

05.05.2011 | Matthias Heine | 6 Kommentare

Nicht nur zum 1. Mai rufen auch in Prenzlauer Berg immer wieder Plakate oder gesprühte Schriftzüge zum Klassenkampf auf. Aber wer fühlt sich von ihrer Ästhetik eigentlich angesprochen?

Revolutionäre Plakate und ähnliche Propagandamittel haben in Prenzlauer Berg immer etwas leicht Lächerliches. Denn in diesem Bezirk gibt es doch ohnehin nur noch drei Bevölkerungsgruppen, denen noch nie jemand eine Neigung zum organisierten Aufstand nachgesagt hat. Den immer mehr Kleinbürgern stehen  immer weniger Rentner und Lumpenproletarier gegenüber. Zur letztgenannten Kategorie hätte Marx sowohl die entwurzelten Alkoholisierten gezählt, über die am Helmholtzplatz gerade mal wieder gestritten wird, als auch die letzten menschlichen Relikte irgendwelcher „Szenen“ der Vor- und Nachwendezeit – für Marx war das Wort „Lumpenproletariat“ geradezu bedeutungsgleich mit „Bohème“. Vom Lumpenproletariat erwartete er beim Umsturz gar nichts, er hielt es  vielmehr für einen potenziellen Verbündeten der Reaktion. Dem Kiez ist also das revolutionäre Subjekt fast vollständig abhandengekommen.

Deswegen wirkte es wie Satire, als vor etwa drei Jahren über zahlreichen Klingelbrettern in Prenzlauer Berg ein mit der Schablone gesprühter Schriftzug zu lesen war, der lautete: „Folgende Bürger werden zum Klassenkampf aufgerufen:“ – was implizierte, dass alle Bewohner des entsprechenden Hauses sich nun eifrig in den Krieg der Klassen stürzen sollten. Doch wenn die Bürger sich erst einmal zum Klassenkampf aufraffen, kommt für die Linke meist wenig Erfreuliches dabei raus: Im besten Falle endet es wie 1919 im Herzogtum Braunschweig, wo ein Gegenstreik der bürgerlichen Schichten den Zusammenbruch einer kurzlebigen Roten Räterepublik beschleunigte. Schlimmstenfalls kommt es zum weißen Terror wie am Ende der Pariser Kommune, als die in Versailles versammelten Bürger die Stadt wieder in Besitz nahmen und massenhaft Revolutionäre abschlachteten. Weder das eine noch das andere werden sich die zum Klassenkampf aufrufenden Sprüher  gewünscht haben.

Aber solche Wandpropaganda ist in Prenzlauer Berg ohnehin selten ein echter Handlungsaufruf. Auch diejenigen, die alle Jahre wieder zu Weihnachten den heimreisenden „Schwaben“  hinterherhöhnen, sie möchten doch in Sindelfingen usw. bleiben – denn: „Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ -, erwarten ja nicht, dass die Schwaben diesem Appell tatsächlich Folge leisten. Es handelt sich allenfalls um eine Art gedruckten ausgestreckten Mittelfinger, den man den Fremden zeigt, um ein bisschen Dampf aus der köchelnden Volksseele abzulassen. 

 

Die Bürger das Gruseln lehren

 

Das gilt wohl genauso für die Plakate, die auch in diesem Jahr wieder für die „Revolutionäre 1. Mai Demo“ in Kreuzberg warben – beispielsweise am unteren Ende der Schliemannstraße. Denn die Autonomen konnten ja wohl nicht ernsthaft damit rechnen, irgendeinen Besucher des dortigen Biosupermarkts für ihren Aufmarsch zu rekrutieren. Sie weideten sich wohl eher an der Vorstellung, mit ihren Druckwerken die Bürger das Gruseln zu lehren. 

Unfreiwillig verrät die Gestaltung der Mai-Plakate alles über die resignierte und abgekapselte Geisteshaltung, die ihnen zu Grunde liegt. Denn die darauf porträtierten Idealbilder autonomer Klassenkämpfer kommen dem Stil moderner Horrorcomics so nahe wie nie. Man ahnt, dass dahinter die Absicht steckt, junge Menschen in den Bilderwelten abzuholen, die sie von Computerspielen kennen. Mit den klassischen, revolutionäre Entschlossenheit signalisierenden Hackfressen, deren heroisch gereckte Kinne im vorigen Jahrhundert auf linken und rechten Mai-Plakaten zu sehen waren, lockt man heute vermutlich keinen 18-Jährigen mehr hinter dem Ofen vor. Vielleicht ist der Plakatkünstler sogar Student eines Berliner Studiengangs für Comics und Mangas.

Aber auf jeden Außenstehenden, der nicht mit den Zeichen der hippen Horrorästhetik vertraut ist, wirken die Figuren auf den revolutionären Mai-Plakaten zutiefst abstoßend und grotesk. Das gilt ganz besonders für die Frau (?) rechts, der der Künstler auch noch einen Schraubenschlüssel als Requisit eines lange schon fast vollständig aus Berlin verschwundenen Modell-Proletariats in die Hand gedrückt hat. Die grüne Gesichtsfarbe des mittleren Typen erinnert an den Hulk, jenes Monster, in das sich der atomar verseuchte Bruce Banner jedes Mal verwandelt, wenn er wütend wird. Die stumpfsinnige Totschlagmentalität des Hulk ist ziemlich sprichwörtlich. Als Vorbild für einen kühlen Kopf im Klassenkampf taugt er wohl kaum.

 

Risse in zentimeterdicker Hornhaut

 

Der Hulk ist ein Bewohner des Marvel-Comic-Universums. An eine andere Marvel-Figur erinnern die merkwürdigen Risse, die die Gesichter der drei abgebildeten Symbolfiguren durchziehen, als hätten sie Brandwunden oder als wäre ihre trockene, zentimeterdicke Hornhaut geplatzt. Damit sehen sie ein bisschen aus wie „Das Ding“, ein Wissenschaftler namens Ben Grimm, der durch den Einfluss kosmischer Strahlung in einen Kraftprotz mit versteinerter Haut verwandelt wurde.

Vor allem aber machen die drei Galionsfiguren des revolutionären 1. Mai einen extrem zombiehaften Eindruck. Die Leichenfarben Rot, Grün und Blaugrau, die unnatürlich verrenkten Posen, das teilweise doch sehr medusenhafte Haar und der starr den Betrachter fixierende Blick lassen an eher an George Romeros „Nacht der lebenden Toten“ denken als an die Walpurgisnacht. Natürlich zitieren die geballten Fäuste die Ikonographie klassischer Darstellungen von Arbeiterkämpfern aus dem 20. Jahrhundert. Aber was schon beim Thälmann-Denkmal nicht sehr human wirkte, sieht in der Kombination mit der Horrorcomic-Ästhetik heute endgültig schlimmer als unmenschlich aus. Nämlich untot.  

Vielleicht ist das ja sogar Absicht. Denn seit einiger Zeit ist in der autonomen Szene ja der Slogan „Eat the Rich“ sehr populär. So läge es nahe, sich mit den menschenfressend lebenden Toten aus Romeros Film ironisch zu identifizieren. Aber zugleich denunzieren die Plakate die Mai-Demo auch als eine Erhebung von Zombies aus den Gräbern. Ewig sind sie verdammt, Rituale zu wiederholen, die irgendwann mal einen Sinn hatten. Vielleicht aber auch nie. Und für „reich“ und fressbar halten sie jeden, der mehr hat als sie. Ein Hirn beispielsweise.


Kommentare

1 | flopti | 05. Mai. 2011 20:12

Schlechter Text! Son bisschen Hirn von dem, was der "Durchschnittsautonome so hat...
Die Uraltparole, dass man die Reichen fressen solle, scheint aber doch Eindruck hinterlassen zu haben.

2 | Martin | 07. Mai. 2011 04:51

Volle Zustimmung, den Artikel fand ich nun auch mal wirklich richtig, richtig schlecht. So viele Worte, nur um zu sagen, dass einem irgendwelche Plakate nicht so zusagen? Ich ärgere mich über die Zeit, die ich mit dem Lesen verschwendet habe. (Und nun hinterlasse ich auch noch einen Kommentar, aber Feedback ist ja hoffentlich erwünscht.)

3 | Thilo Kerner | 08. Mai. 2011 10:12

erst fragte ich mich, was der autor eigentlich mit diesem langen artikel sagen wolle. nun hab ich es verstanden. er selbst ist der macher der plakate und ist tief in der szene verwurzelt. dafür sprichen im ersten absatz seine worte:
Auch diejenigen, die alle Jahre wieder zu Weihnachten den heimreisenden „Schwaben“ hinterherhöhnen, sie möchten doch in Sindelfingen usw. bleiben – denn: „Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ -, erwarten ja nicht, dass die Schwaben diesem Appell tatsächlich Folge leisten.

aha, also das erwarten sie gar nicht wirklich. das ist insiderwissen :D

vermutlich ist der verfasser trurig, dass niemand, außer mir, die plakate würdigt. weshalb er jetzt laaaaaaaaaaang und breit eine analyse verfasst, woher doch die inspiration kam und wie alles gemeint ist. insiderwissen eben... :D

4 | Thilo Kerner | 08. Mai. 2011 10:13

erst fragte ich mich, was der autor eigentlich mit diesem langen artikel sagen wolle. nun hab ich es verstanden. er selbst ist der macher der plakate und ist tief in der szene verwurzelt. dafür sprechen im ersten absatz seine worte:
Auch diejenigen, die alle Jahre wieder zu Weihnachten den heimreisenden „Schwaben“ hinterherhöhnen, sie möchten doch in Sindelfingen usw. bleiben – denn: „Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ -, erwarten ja nicht, dass die Schwaben diesem Appell tatsächlich Folge leisten.

aha, also das erwarten sie gar nicht wirklich. das ist insiderwissen :D

vermutlich ist der verfasser traurig, dass niemand, außer mir, die plakate würdigt. weshalb er jetzt laaaaaaaaaaang und breit eine analyse verfasst, woher doch die inspiration kam und wie alles gemeint ist. insiderwissen eben... :D

5 | hans | 09. Mai. 2011 03:31

Der Autor und Springer-Verlag-Redakteur Matthias Heine kämpf im Linken-Bashing-Text mit den Geistern seiner Herkunft. Ein FAZ-Beitrag erhellt die nach Tod und Verwesung riechende Kritik an bunten Plakaten, die zum Hintern hoch vom Sofa aufrufen gegen Krieg, Ausgrenzung und Klassen.

Heines »Ich war Unterschicht« ist eine aufschlussreiche autobiographische Rückschau auf Leben und Menschenbild eines »Aufsteigers« - ganz nach dem Geschmack der Stiftung des Medienmonopolisten Bertelsmann, wo PBN-Gründer Philipp Schwörbel bekanntermaßen seine bundesrepublikanische Grundausbildung in Sachen Medienwirtschaft und Demokratie genossen hat.

Die Allianz der Aufsteiger im Bezirk verteidigt ihren verdienten Erfolg mit Klauen und Zähnen. Apropos Zähne. Heine schaut auf die am eigenen Leib erfahrene, durch Religion, Gene, Bildung und Glück überwundene Armut zurück und resümiert: »Was ist mir aus dieser Zeit geblieben? Ein mittlerweile für Tausende Euro saniertes Gebiß, weil Mangelernährung und Verwahrlosung meine zweiten Zähne ruinierten. Eine Neigung zu Gewaltausbrüchen [sic!], der in diesem Jahr schon ein randalierender holländischer Tourist und ein Punk auf dem Alexanderplatz zum Opfer gefallen sind.« Ein kaum verwunderliches Verhalten, bei diesen Vorbildern: »Es gab die Leitfigur Luther, der für mich wichtiger war als Jesus«.

Gegen die Plakateure ist es erst einmal bei einem feuilletonistischen Tritt geblieben. Hinter dem Rundum-Schläger mit Faust und Feder verbirgt sich die Psychologie eines Menschen, der nach eigenen Angaben »eigentlich FDP« wählen müsste. Für die geistig-seelische Verfassung der neuen Mittelschicht ein Paradebeispiel, auch für die passiv-aggresive Stimmung im Kiez der Beklemmung.

Bei den neuen Latte-Schaum-vorm-Mund-Grünen, des Prenzlbergers Volkspartei, ist er mit seinen anti-liberalen Bekenntnissen besser aufgehoben? Die tragen heute auch schicke Hemdchen und schwarze Designerbrillen. Wichtigste Übung der Aufsteiger, gleich ob Angestellte oder Freiberufler in der Berliner Bürgerrepublik, ist es doch: Niemals als Ex-Unterschichtler erkannt werden, mal damit kokettieren, aber doch längst hinter sich gelassen.

6 | hans | 09. Mai. 2011 03:31

Gegen alles, was nicht nach Öko-Lavendel-Duft riecht, sondern nach dreckiger Gosse, wird dezent weggetreten. So verspürt der in die Jahre gekommene Endvierziger »ein Ekel vor Hip-Hop und anderen Jugendkulturen, die das Unterschichtendasein verherrlichen, denn deren Protagonisten sind die gleichen Typen, die früher Leute wie mich terrorisiert haben - schließlich sind die nächstliegenden Opfer der Gettoschläger immer die Leute im Getto.«

Daher weht der Wind: Ein Gespenst geht um im Kollwitz-Ghetto!

Was von Heines Vergangenheit bleibt ist »ein starker Widerwillen gegenüber allen Moden und Ideologien, die zerrissene Kleidung zum Nonplusultra oder Armut zur Schule des Herzens erklären. Eine Neigung zum Hochmut gegenüber ehemaligen Klassengenossen, die es nicht geschafft haben.« Denn »die Idee, daß alle gebildet sein sollten, ist doch eine verkleidete sozialistische Utopie im neoliberalen Gewand, die die natürliche Ungleichheit der Menschen ignoriert«. Und da ist es raus. Das Naturgesetz regiert: Es gibt Menschen mit Hirn und Geld und Menschen ohne Hirn und ohne Geld. Die einen dürfen rein ins Loft, die anderen bleiben draußen. Auch wenn Heine für »solche Leute« mehr Respekt fordert, Kritik an der Wurzel der Armut äußert der arrivierte Springer-Angestellte im Gegensatz zu den Plakateuren keine.


Link zu »Ich war Unterschicht«:

http://www.faz.net/s/Rub501F42F1AA064C4CB17DF1C38AC00196/Doc~E0E59EFBB99F64289AC3D2AF52698CE98~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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